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Slam · 16 min

Marc Smith und der Slam — vier Jahrzehnte einer Wettkampf-Form

Wie aus einem Versuch im Chicagoer Get-Me-High-Lounge am 25. Juli 1986 ein internationales Veranstaltungsformat wurde — und wie es ab 1996 in Berlin Fuß fasste.

Die Erzählung beginnt, wie viele Erzählungen über das Entstehen von Veranstaltungsformaten beginnen, in einem Nebenraum einer Kneipe. Am 25. Juli 1986 — einem Freitag — habe der Bauarbeiter und Lyriker Marc Smith im Get-Me-High Lounge an der West Hubbard Street in Chicago erstmals einen Wettkampf-Leseabend organisiert, bei dem das Publikum die Vorträge punktet. Smith selbst gab später an, er habe nach einer Form gesucht, die der Lyrik die Aura akademischer Unzugänglichkeit nehme, ohne sie der Beliebigkeit der Kneipenunterhaltung auszuliefern. „Poetry slam” sei das Wort gewesen, das er sich aus dem Vokabular des Baseball geliehen habe.

Vom Hinterzimmer in die Uptown Lounge

Aus dem Get-Me-High-Lounge zog die Veranstaltung im Juli 1987 in die Green Mill Cocktail Lounge an der North Broadway 4802 um — ein 1907 eröffnetes Jazz-Lokal in der Uptown, das noch heute regelmäßig den Uptown Poetry Slam ausrichtet. Das Reglement, das Smith dort entwickelte, ist seither in Grundzügen stabil geblieben:

  • maximal drei Minuten Vortragszeit pro Beitrag,
  • ausschließlich eigene Texte,
  • keine Requisiten, keine Kostüme, keine musikalische Begleitung,
  • fünf zufällig aus dem Publikum gezogene Jurymitglieder, die nach jedem Vortrag eine Wertung zwischen 0,0 und 10,0 abgeben,
  • Streichung der höchsten und der niedrigsten Wertung, Summe der verbleibenden drei.

Smith selbst übernahm in den ersten Jahren die Moderation und bestand auf der rituellen Begrüßungs-Wendung „It’s not about the points, it’s about the poetry” — ein Halbsatz, der in den folgenden Jahrzehnten in allen großen Slam-Szenen variiert wurde.

Die Nationale: San Francisco 1990

Den Schritt von der lokalen zur nationalen Veranstaltung machte das Format vier Jahre später. Vom 30. September bis 2. Oktober 1990 fand in San Francisco die erste National Poetry Slam statt — initiiert von Gary Mex Glazner, einem Lyriker und Veranstalter, der das Chicagoer Modell adaptiert hatte. Drei Teams traten an: Chicago, San Francisco und New York City. Das Chicagoer Team, von Smith geführt, gewann den ersten Wettbewerb.

In den Folgejahren wuchs die Teilnehmer:innenzahl rasch. 1996 traten in Portland, Oregon, bereits 27 Teams an; 2007 in Austin, Texas, waren es 80. Die Poetry Slam, Inc. (PSi) wurde 1997 als Trägerorganisation gegründet und unterhielt bis zu ihrer Auflösung 2018 ein Regelwerk, eine Schiedsstelle und die jährlichen Wettbewerbe.

Übergang nach Europa

Die europäische Adaption verlief nicht synchron, sondern in mehreren Wellen. Erste Vorläufer:innen finden sich Anfang der 1990er Jahre in London, wo Patricia Smith — keine Verwandte von Marc — bei Lesungen auftrat und die Wettkampf-Form mitbrachte. Die deutschsprachige Geschichte beginnt jedoch nach gängiger Datierung am 27. November 1994: Damals organisierte der US-amerikanische Lyriker Rich Goldstein im Berliner Ex-’n-Pop eine Lesung, die als „erster Slam” der Stadt gilt.

Die kontinuierliche Form etablierte sich zwei Jahre später. Im Juni 1996 startete Wolf Hogekamp im Café Trompete am Boddinplatz im Berliner Bezirk Neukölln eine regelmäßige Reihe, die später als Berliner Slam firmierte und in verschiedene Spielstätten weiterzog — unter anderem in das Mudd Club und in die Kalkscheune. Hogekamp, der zuvor in New York Slams besucht hatte, übersetzte das Regelwerk weitgehend wörtlich und ergänzte es um eine deutschsprachige Moderationspraxis.

DM-Slam seit 1997

Die Deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam — kurz GIPS oder DM-Slam — fanden erstmals 1997 in Berlin statt; der Veranstaltungsort war das Pfefferberg-Areal in Prenzlauer Berg. Ausgerichtet wurden sie von Hogekamp und Bas Böttcher. Seither finden die Meisterschaften jährlich an wechselnden Orten statt; sie sind das größte regelmäßige Slam-Treffen außerhalb des englischsprachigen Raums.

Die Ausrichter:innen-Reihe der ersten zwei Jahrzehnte:

  • 1997 Berlin,
  • 1998 Bochum,
  • 1999 Weimar,
  • 2000 München,
  • 2001 Düsseldorf,
  • 2003 Köln,
  • 2008 Zürich (erste Austragung außerhalb Deutschlands),
  • 2014 Dresden,
  • 2019 Berlin,
  • 2024 Bochum.

Die Wettbewerbsklassen wurden im Lauf der Zeit ausdifferenziert: Einzel-Erwachsene, Teams, U20 (seit 2007). Eine Geschlechterquote ist seit 2018 als Selbstverpflichtung der ausrichtenden Vereine in den Ausschreibungen verankert; die Umsetzung wird seither jährlich nachverhandelt.

Was sich verschoben hat

Wer die Praxis der frühen Berliner Slams mit der gegenwärtigen vergleicht, beobachtet eine Verschiebung in mindestens drei Dimensionen.

Sprachliche Register: In den späten 1990er Jahren dominierten Texte, die sich an Rap-Lyrik, an Ringelnatz, an Brecht und an US-amerikanische Slam-Vorbilder anlehnten. In den 2010er Jahren rückten essayistische Formen — der so genannte Listen-Slam, der politische Sachvortrag, die persönlich-konfessionelle Erzählung — in den Vordergrund. Seit etwa 2020 wird eine erneute Hinwendung zur metrisch gebundenen Form beobachtbar.

Veranstaltungs-Ökonomie: Die ersten Berliner Slams arbeiteten ohne festes Honorar; gezahlt wurde aus der Hutsammlung. Heute sind in den meisten regelmäßigen Spielstätten Antrittsgagen üblich, ergänzt durch öffentliche Förderung — etwa durch den Fonds Darstellende Künste, den Deutschen Literaturfonds oder kommunale Kulturförderung. Die DM-Slams werden seit 2019 regelmäßig vom Bundesministerium für Kultur und Medien (BKM) bezuschusst.

Medialer Anschluss: Der Wechsel von Bühnen-Mitschnitten auf YouTube (etwa ab 2008) hin zu kurzen vertikalen Clips auf TikTok und Reels (etwa ab 2020) hat den Charakter der prämierten Texte verändert. Texte, die als Bühnenformat funktionieren, müssen heute auch als 60-Sekunden-Ausschnitt eine eigene Pointenstruktur tragen — was die durchschnittliche Slam-Textlänge erkennbar verkürzt hat.

Schweizerische und österreichische Linien

Die Schweizer und österreichische Slam-Geschichte verlief parallel, aber mit eigenen Vorzeichen. In Wien organisierte Markus Köhle ab 1999 eine erste regelmäßige Slam-Reihe im Café Concerto in Ottakring; die Österreichischen Slam-Meisterschaften werden seit 2002 jährlich ausgetragen, erstmals in Innsbruck. In der Schweiz fand der erste regelmäßige Slam in der Roten Fabrik in Zürich ab 1998 statt, organisiert von Etrit Hasler und Pedro Lenz; die Schweizer Meisterschaften im Poetry Slam werden seit 2004 jährlich ausgerichtet, abwechselnd in deutschsprachigen, romanischen und französisch-sprachigen Städten.

Diese drei nationalen Linien — bundesdeutsch, österreichisch, schweizerisch — verbinden sich in den Deutschsprachigen Meisterschaften zu einem gemeinsamen Wettbewerb, der seit 2008 nicht mehr ausschließlich auf deutschem Boden ausgetragen wird. Die Ausrichtung in Zürich (2008), Wien (2011), Innsbruck (2016) und Basel (2022) zeigt die schrittweise Internationalisierung der Veranstaltungs-Logik. Eine konsequent multinationale Jury-Praxis hat sich allerdings nicht etabliert; die Jury wird, dem Smith’schen Modell folgend, in jeder Runde aus dem anwesenden Publikum gezogen, was die nationale Zusammensetzung dem Zufall überlässt.

Reglement-Varianten

Während das Smith’sche Grund-Reglement weitgehend stabil geblieben ist, hat sich in den vergangenen Jahren eine kuratorische Differenzierung etabliert. Die DM-Slams arbeiten mit dem klassischen Vortrags-Modus von drei Minuten und Publikumsjury. Die U20-Wettbewerbe haben die Zeitvorgabe auf zwei Minuten verkürzt, was die Text-Form erkennbar beeinflusst — kürzere Texte, schnellere Pointen, höhere Dichte. Die Teamslams hingegen ermöglichen Vorträge bis zu fünf Minuten und zulässt mehrstimmige Vorträge mit choreographischen Elementen, was wiederum eine eigene Text-Form generiert: den polyphonen Slam-Text, der sich strukturell vom Einzel-Vortrag unterscheidet.

Eine weitere Variante ist der Best-of-Slam, der seit etwa 2010 vor allem in größeren Spielstätten — Lokhalle Berlin, LangerMarkt Bochum, Halle 02 Heidelberg — etabliert ist: Hier treten ausschließlich Slammer:innen an, die bereits einen Stadt- oder Regional-Wettbewerb gewonnen haben. Die Honorierung ist höher (typischerweise 150 bis 250 Euro pro Auftritt zuzüglich Reisekosten); die Jury bleibt das Publikum. Dieses Format hat eine eigene Profi-Schicht im deutschsprachigen Slam-Betrieb herausgebildet — etwa 60 bis 80 Slammer:innen leben in 2026 zu einem nennenswerten Anteil aus Slam-Honoraren.

Marc Smith heute

Smith, geboren 1949, hat sich aus der Moderation des Uptown Poetry Slam in der Green Mill nicht zurückgezogen; er leitet die wöchentliche Sonntagsveranstaltung mit. In Interviews der vergangenen Jahre hat er sich wiederholt skeptisch zur Kommerzialisierung der Form geäußert, ohne den Wettkampfcharakter als solchen in Frage zu stellen. „Slam” sei, so habe er es 2018 in einer Diskussion an der School of the Art Institute of Chicago formuliert, „a delivery system, not a literary movement” — ein Vermittlungs-System, keine literarische Strömung.

„Wenn die Lyrik dem Wettbewerb dient, ist sie schlecht. Wenn der Wettbewerb der Lyrik dient, ist er gut.”

Diese Selbstauskunft ist im deutschsprachigen Slam-Kontext oft zitiert und auf das jeweils eigene Reglement angewendet worden.

Frauenanteil, Genderpolitik, Quoten

Die statistische Erfassung des Geschlechter-Verhältnisses auf Slam-Bühnen ist erst spät systematisch begonnen worden. Eine 2017 von der Universität Mainz vorgelegte Auswertung der DM-Slam-Endrunden 1997 bis 2016 ergab, dass der Anteil an Slammer:innen, die sich als weiblich identifizierten, im Schnitt bei 22 Prozent lag — mit Schwankungen zwischen 12 Prozent (2003) und 38 Prozent (2014). Die seit 2018 eingeführte Quotenregelung in den Vorrunden — paritätische Besetzung mit jeweils mindestens einer weiblichen und einer männlichen Stimme pro Halbfinale — hat den Endrunden-Anteil bis 2024 auf 44 Prozent gehoben.

Die Debatte um die Quote ist nicht abgeschlossen. Kritiker:innen — darunter etablierte Slammer:innen beider Geschlechter — wenden ein, dass das Smith’sche Reglement die Jury-Entscheidung explizit dem Publikum überlasse und eine Quoten-Korrektur dieser Logik widerspreche. Befürworter:innen halten dem entgegen, dass die strukturellen Vorab-Filter (welche Personen treten überhaupt an, welche werden zu Slams eingeladen, welche bekommen Bühnenzeit in den Vorrunden) ohne Quote eine de-facto-Männerlastigkeit produzieren, die mit dem behaupteten Egalitarismus des Formats kollidiert. Eine Lösung, die alle Beteiligten zufriedenstellt, ist 2026 nicht in Sicht.

Eine offene Frage

Was bleibt, vier Jahrzehnte nach dem Sommer 1986 in der West Hubbard Street, ist die offene Frage, ob das Wettkampfformat eine eigenständige literarische Gattung hervorgebracht habe — oder ob es lediglich eine Vortragsweise sei, die sich an variablen Text-Gattungen vermittle. Die literaturwissenschaftliche Sekundärliteratur — etwa die Arbeiten von Susan B. A. Somers-Willett (The Cultural Politics of Slam Poetry, 2009) oder die jüngeren Studien an der Universität Wien zur deutschsprachigen Slam-Szene — neigt der zweiten Lesart zu. Die Bühne entscheide nicht über die Gattung; sie entscheide über die Aufnahme.

Genau diese Doppelung — eine etablierte Vortragspraxis, deren Texte sich noch nicht in ein gattungstheoretisches Schema fügen lassen — sei es, die Spoken-Word- und Slam-Texte gegenwärtig zu einem dankbaren Untersuchungsgegenstand für die Lyrik-Kritik mache.


Ressort: Slam