← Magazin 08. Mai 2026
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Festival-Lyrik im deutschsprachigen Raum — eine Bestandsaufnahme

Vom internationalen literaturfestival berlin (seit 2001) bis zur lit.Cologne (seit 2001): wie sich die institutionalisierte Lesungs-Kultur in zweieinhalb Jahrzehnten konsolidiert hat.

Die institutionalisierte Lesung — die mit Vorlauf programmierte, mit öffentlicher Förderung getragene, in eigenen Spielstätten oder gemieteten Veranstaltungssälen stattfindende Lyrik-Lesung — sei, so habe es Ulrich Schreiber, der Gründer und langjährige Leiter des internationalen literaturfestivals berlin, einmal in einem Interview formuliert, „eine bundesrepublikanische Erfindung, die ihre eigentliche Hochkonjunktur erst nach dem Mauerfall entfaltet hat”. Die Beobachtung ist im Detail diskutabel, im Gesamteindruck zutreffend. Die Mehrzahl der heute prägenden Lyrik- und Literatur-Festivals im deutschsprachigen Raum geht auf Gründungen der späten 1990er und frühen 2000er Jahre zurück.

ilb: Berlin seit September 2001

Das internationale literaturfestival berlin (Eigenschreibweise klein) fand erstmals vom 19. bis 29. September 2001 statt. Es wurde von Ulrich Schreiber und der Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik e.V. ins Leben gerufen und hatte in seinem ersten Jahr 90 Autor:innen aus 50 Ländern zu Gast. Die Spielstätten der ersten Ausgabe lagen im Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße sowie in mehreren Berliner Buchhandlungen und Bibliotheken.

Das Festival wurde von Anfang an als internationales Festival mit Übersetzungs-Schwerpunkt konzipiert; die deutsche Lyrik-Programmlinie ist nur eine von mehreren. Heute, in seiner 26. Ausgabe — die für September 2026 geplant ist —, lädt das ilb jährlich etwa 150 bis 200 Autor:innen aus 60 bis 80 Ländern ein. Der Lyrik-Anteil schwankt; in den letzten fünf Jahren lag er zwischen 30 und 40 Prozent der Gesamtprogramme. Die Förderung erfolgt durch die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes Berlin, durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und durch das Auswärtige Amt; jährlicher Etat zuletzt etwa 2,4 Millionen Euro.

lit.Cologne: Köln seit März 2001

Im selben Jahr — wenige Monate früher — ging in Köln die lit.Cologne an den Start. Die erste Ausgabe vom 14. bis 18. März 2001 wurde von Edmund Labonté, Werner Köhler und Rainer Osnowski gegründet. Anders als das ilb war die lit.Cologne von Anfang an weniger als Lyrik-Festival denn als Literaturfestival breiterer Programmierung konzipiert — Prosa, Sachbuch, Krimi, Biographie. Die Lyrik-Linie ist innerhalb des Festivals eine eigene Programm-Säule, getragen unter anderem von der Zusammenarbeit mit dem Haus für Poesie in Berlin und mit dem Suhrkamp Verlag.

Die lit.Cologne erreicht in ihren stärksten Jahren — zuletzt 2024 — etwa 100.000 Besucher:innen über die zehntägige Festivaldauer. Die Lyrik-Veranstaltungen finden meist im Comedia Theater in der Vondelstraße sowie in der Philharmonie statt; das Programm umfasst etwa 200 Einzelveranstaltungen pro Ausgabe.

Eine kuratorische Ergänzung kam 2010 hinzu: die lit.Cologne Spezial im Spätherbst, die sich auf einzelne Schwerpunkte konzentriert — Spoken Word, internationale Lyrik, junge Stimmen.

poesiefestival berlin: seit 2000

Älter und im Kern lyrik-orientierter ist das poesiefestival berlin, das seit 2000 jährlich vom Haus für Poesie (bis 2017: Literaturwerkstatt Berlin) ausgerichtet wird. Das Festival findet meist Anfang Juni statt; Spielstätten sind die Akademie der Künste am Hanseatenweg, das Haus für Poesie in der Kulturbrauerei sowie wechselnde Berliner Kulturstätten.

Das poesiefestival ist das größte ausschließlich der Lyrik gewidmete Festival im deutschsprachigen Raum. In seinen 25 Ausgaben (Stand 2024) hat es etwa 1.500 Lyriker:innen aus über 80 Ländern eingeladen. Die zentrale Veranstaltung, die Weltklang — Nacht der Poesie, versammelt jeweils 10 bis 12 Lyriker:innen aus verschiedenen Sprachen zu einem mehrstündigen Lese-Abend; die Originaltexte werden simultan auf Leinwand projiziert in deutscher Übersetzung.

Das Programm umfasst regelmäßig auch eine VERSschmuggel-Reihe, in der je zwei Lyriker:innen unterschiedlicher Sprachen einander wechselseitig übersetzen — eine Übersetzungs-Praxis, die das Haus für Poesie 2002 entwickelt hat und die seither in mehrere Sprachen exportiert wurde.

poetry.bewegt: Wien

Die österreichische Vergleichsgröße zum poesiefestival ist poetry.bewegt, ein seit 2009 vom Literaturhaus Wien mitkuratiertes Festival, das jährlich im April stattfindet. Im Unterschied zu Berlin ist poetry.bewegt kleiner — etwa 30 bis 40 Autor:innen, etwa 8.000 Besucher:innen pro Ausgabe —, aber programmatisch eigenständig: Der Schwerpunkt liegt auf der mitteleuropäischen Lyrik (österreichisch, tschechisch, slowakisch, ungarisch, slowenisch) und auf der Verbindung von gesprochener Lyrik mit musikalischen Formaten.

Schweizerische Linien

In der Schweiz ist die Festivallandschaft kleinteiliger. Die Solothurner Literaturtage — gegründet 1979 als „literarisches Pfingsten” — sind das älteste regelmäßige Literaturfestival im deutschsprachigen Raum und führen eine kontinuierliche Lyrik-Linie. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad (seit 1996) und die Zürcher Poetry Slam (seit 1998) ergänzen das Bild. Die Förderung erfolgt überwiegend durch die Pro Helvetia sowie durch kantonale und kommunale Quellen.

Akzente und die Tradition der Verlags-Lesungen

Vor und neben der Festival-Logik existiert eine zweite, ältere Linie: die Lesungs-Tradition der Verlage. Die Akzente-Lesungen — getragen vom Carl Hanser Verlag München seit 1954 in loser Folge — sind ein Beispiel; die Suhrkamp-Lesungen im Literaturhaus Berlin (Fasanenstraße 23) ein anderes. Diese Lesungen sind nicht im Festival-Kontext eingebettet, sondern Teil der Verlags-Programmpflege. Sie unterscheiden sich von den Festival-Lesungen durch ihre kuratorische Logik: Sie sind primär an die Verlagsproduktion gebunden, während Festivals einen breiteren, oft internationalen Kuratierungs-Auftrag verfolgen.

Die zahlenmäßige Größenordnung dieser Verlags-Lesungen ist nicht zentral erfasst. Schätzungen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gehen davon aus, dass im deutschsprachigen Raum jährlich etwa 3.000 bis 4.000 verlegerisch organisierte Lyrik- und Belletristik-Lesungen stattfinden — gegenüber etwa 500 bis 700 Festival-Lesungen mit Lyrik-Bezug.

Literaturhäuser

Eine dritte Säule der institutionalisierten Lesungs-Kultur sind die Literaturhäuser. Das Literaturhaus Hamburg (gegründet 1989), das Literaturhaus Berlin (1986), das Literaturhaus Frankfurt (1991), das Literaturhaus München (1997), das Literaturhaus Stuttgart (2001), das Literaturhaus Köln (1996) und das Literaturhaus Wien (1991) bilden ein Netzwerk, das seit 2000 als Netzwerk der Literaturhäuser e.V. organisiert ist. Die Literaturhäuser veranstalten in Summe etwa 1.200 bis 1.500 Lesungen pro Jahr, von denen ein erheblicher Anteil — schätzungsweise 20 bis 30 Prozent — Lyrik-Bezug hat.

Die Förderung der Literaturhäuser ist heterogen: Sie erfolgt durch Länder, Kommunen, durch die Kulturstiftung des Bundes und durch die Robert Bosch Stiftung, die seit 2009 das Netzwerk Literaturhäuser in seinem Programm „Literarische Brücken” fördert.

KLAK-Lesungen und die Lesungs-Logik kleinerer Verlage

Eine eigene Stellung in dieser Landschaft nehmen die Lesungs-Reihen einzelner kleinerer Verlage ein. Die KLAK-Lesungen in der Berliner Charlottenburger Goethestraße — getragen vom 2011 gegründeten KLAK Verlag — sind ein Beispiel. Sie kombinieren Lyrik-Lesungen mit Autorengesprächen und mit einer offenen Lesebühne; das Format ist kleinformatig (etwa 40 bis 80 Plätze), aber regelmäßig (zweiwöchentlich) und für die Berliner Lyrik-Szene von erheblicher Bedeutung als Sichtbarkeits-Plattform für Neuerscheinungen.

Vergleichbare Lesungs-Reihen unterhalten kookbooks (kookread-Reihe), parasitenpresse (parasitenlesungen in Köln), Verlagshaus Berlin (im Lettrétage in Kreuzberg) und Edition Korrespondenzen in Wien (im Alte Schmiede-Kunstverein). Diese Reihen bilden, in der Summe, ein zweites Lesungs-Netzwerk, das parallel zur Festival- und Literaturhaus-Logik existiert und für die Lyrik-Kritik einen eigenständigen Beobachtungs-Gegenstand darstellt.

Eine vergleichende Übersicht

Gründungsjahre der zentralen Festivals und Häuser:

  • 1954: Akzente (Lesungs-Reihe, Hanser, München)
  • 1979: Solothurner Literaturtage
  • 1986: Literaturhaus Berlin
  • 1989: Literaturhaus Hamburg
  • 1991: Literaturhaus Frankfurt; Literaturhaus Wien
  • 1996: Internationales Literaturfestival Leukerbad; Literaturhaus Köln
  • 1997: Literaturhaus München
  • 2000: poesiefestival berlin
  • 2001: lit.Cologne; internationales literaturfestival berlin; Literaturhaus Stuttgart
  • 2009: poetry.bewegt, Wien
  • 2011: KLAK-Lesungen, Berlin

Was sich nach 25 Jahren beobachten lässt

Die Festival- und Lesungs-Kultur der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte sei, so möge man feststellen, in drei Dimensionen erkennbar gewachsen.

Erstens in der schieren Quantität: Mehr Festivals, mehr Lesungen, mehr Spielstätten. Die Lyrik ist als Bühnenformat heute breiter verankert als in den 1990er Jahren, als die Klage über die „Krise der Lyrik” zum kritischen Standardrepertoire gehörte.

Zweitens in der Internationalisierung: Übersetzungs-Lyrik, simultan projizierte Originaltexte, mehrsprachige Veranstaltungen sind selbstverständlich geworden. Das Weltklang-Format des poesiefestivals ist hier prägend gewesen.

Drittens in der Kuration: Festivals und Literaturhäuser haben kuratorische Profile entwickelt, die sich voneinander unterscheiden und ergänzen lassen. Die lit.Cologne ist nicht das ilb, das poesiefestival ist nicht poetry.bewegt. Diese Differenzierung sei ein Kennzeichen einer reif gewordenen Festival-Landschaft.

Honorare und prekäre Lage

Eine systematische Erfassung der Honorar-Praxis bei Lyrik-Lesungen existiert seit der 2018 vom Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in der ver.di vorgelegten Honorar-Empfehlung. Die Empfehlung sieht für eine 60-minütige Lesung ein Mindesthonorar von 250 Euro vor (Stand 2024 angehoben auf 300 Euro); für eine 90-minütige Lesung 350 Euro (Stand 2024: 400 Euro). Diese Empfehlung ist nicht bindend, hat sich aber in den Programmierungs-Praktiken der Literaturhäuser weitgehend durchgesetzt.

Die Festival-Honorare liegen meist höher — Festivals zahlen etwa 400 bis 800 Euro pro Lesung —, dafür sind die Auftrittsmöglichkeiten dort seltener und ungleicher verteilt. Eine 2022 vom Deutschen Literaturfonds in Auftrag gegebene Studie zur Einkommenslage von Lyriker:innen ergab, dass die Jahres-Einkommen aus Lesungs-Honoraren bei der Mehrheit der befragten Lyriker:innen zwischen 2.000 und 8.000 Euro lagen — eine Größenordnung, die ohne Nebentätigkeiten (Lehraufträge, Übersetzungsarbeit, Schreibwerkstätten) keine Existenzgrundlage abgibt.

Die ökonomische Konsequenz: Die meisten Lyriker:innen, die regelmäßig auf Festivals und in Literaturhäusern lesen, finanzieren ihren Lebensunterhalt aus einer Mischkalkulation, in der die Lesungs-Honorare einen Anteil von 20 bis 40 Prozent ausmachen.

Digitale Formate seit 2020

Die Pandemie-Jahre 2020 bis 2022 haben die Lesungs-Praxis nachhaltig verändert. Die Festivals stellten kurzfristig auf hybride oder rein digitale Formate um — das ilb veranstaltete im Sommer 2020 ein vollständig digitales Programm, das poesiefestival hat seither eine Streaming-Linie beibehalten, die etwa 30 Prozent der Veranstaltungen parallel im Netz zugänglich macht. Die lit.Cologne hat 2024 erstmals eine Spezial-Ausgabe als reines Online-Festival gefahren, das nach Veranstaltungs-Angaben etwa 35.000 zahlende Online-Teilnehmer:innen erreichte.

Die Beobachtung der Festival-Macher:innen ist gemischt: Digitale Formate erschließen ein neues, oft jüngeres und geografisch verteiltes Publikum, ersetzen aber nicht die Präsenz-Erfahrung. Die Lyrikkritik der Süddeutschen Zeitung hat 2023 in einer Schwerpunkt-Ausgabe die These vertreten, das hybride Festival sei das Format der 2020er Jahre — eine These, die in der Programmpraxis breit Bestätigung erfährt.

Schluss

Die institutionalisierte Lesung im deutschsprachigen Raum hat sich, anders als zur Jahrtausendwende prognostiziert, nicht als Übergangsphänomen erwiesen, sondern als dauerhafte Form. Sie steht im Mai 2026 vor der Frage, wie sie mit den ökonomischen Verschärfungen der öffentlichen Kulturförderung umgeht, die in den meisten Bundesländern seit 2024 spürbar sind. Die Antworten der Festival-Macher:innen werden in den kommenden zwei bis drei Spielzeiten erkennbar werden. Die Lyrik-Kritik wird, so steht zu vermuten, eine ihrer regelmäßigen Beobachtungs-Aufgaben darin haben, sie zu dokumentieren.


Ressort: Performance